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Gastbeitrag: Architektur neu denken

Experteninterview: VR- und AR-Technologien bringen neuen aufklärerischen Wind in die Architekturvisualisierung

Gast Beitrag

David Calas, Architekt, Lehrbeauftragter an der Technischen Universität in Wien und Inhaber des Studio Calas wurde von uns zu einem Interview gebeten. Wir wollen wissen, wie der Architekt die Entwicklungen der VR- und AR-Technologien für sein Berufsfeld einschätzt.

Finest Interior Award: Objekte können durch Virtual Reality (VR)- und Augmented Reality (AR)-Technologien virtuell geplant, gebaut und betrachtet werden – und all das noch bevor die Kosten für die Produktion und Umsetzung starten. Welche weiteren Vorteile sehen Sie in den Anwendungen von VR und AR in der Architektur?

David Calas: VR- und AR-Technologien bringen einen neuen, aufklärerischen Wind in die Architekturvisualisierung. Architektur ist dreidimensional erfahrbar, weshalb sich VR- und AR-Methoden dem wahren Kern der Architekturdarstellung nähern. In der virtuellen Wahrnehmung können tiefere Einblicke, sowie auch Einsichten hinsichtlich Maßstäblichkeit, Proportion und Distanz, erreicht werden.

Zusätzlich leisten neue Visualisierungstechnologien eine breite Inhaltsvermittlung, die sich nicht nur auf das Fachpublikum beschränkt. Während beispielsweise Pläne nur von Experten gelesen werden können, sind virtuell einsehbare Entwürfe für alle verständlich. Somit erreichen virtuell konstruierte Räume eine gesellschaftliche Mitte. Sie tragen zum Verständnis von Architektur bei und bringen diesem Berufsbild hoffentlich auch eine Wertschätzung entgegen.

Und welche Nachteile?

Architekturvisualisierungen spiegeln die Realität nur bedingt wider. Einfache Renderings sind teilweise Trugbilder und weit entfernt von realitätsnahen Bezügen. Bei VR- sowie AR-Technologien können diese Bilder zusätzlich maximiert werden. Stimmungen können überspitzt dargestellt werden und falsche Hoffnungen bezüglich der Architektur wecken. Denn grundsätzlich wird digitalen Technologien immer eine sehr wichtige emotionale Komponente fehlen, die sich bei der physischen Betrachtung des Raumes oder eines Modells entwickelt. Letztlich belegen auch wissenschaftliche Studien, dass das menschliche Auge computerunterstützte Bilder differenzierter verarbeitet. Somit kommen eine sinnliche Wahrnehmung und letztendlich auch das Raumgefühl zu kurz.

Durch AR können wir unsere Realität theoretisch so erscheinen lassen, wie wir es gerade wollen. Wie real kann Ihrer Meinung nach die Virtualität werden?

Es ist schwer vorstellbar, dass die Virtualität eine Realitätsebene erreicht. AR bleibt eine Technologie, die bezüglich Raumwahrnehmung eine große Unterstützung bietet. Wenn es jedoch darum geht, einen Emotionsraum darzustellen samt Gerüchen, Temperatur sowie natürlicher Klangkulisse, erreicht die Virtualität sehr schnell ihre Grenze.

Solche innovativen Entwicklungen, wie VR und AR ermöglichen einen komplett neuen Standard im Arbeitsalltag. Inwiefern hat die Digitalisierung Ihren Alltag als Architekt bereits verändert und wird ihn noch verändern?

In unserem Büro arbeiten wir stark mit Digitalisierungstools, wenn es zu Strategien der Inhaltsvermittlung kommt. Unser Ziel ist es, Digitalisierung als ein technologisches Tools zu verwenden, damit ein breiteres Verständnis bestimmter Planungsentscheidungen erreicht wird. So werden diese regelmäßig bei Beteiligungsprozessen eingesetzt und letztlich auch in einem Architekturreisebuch “Schauplätze der Architektur in Südtirol – Baukultur erleben” (mit gratis App für AR) verwendet.

Kunden können durch VR-Apps selbst zu Architekten ihrer eigenen vier Wände werden. Wackeln durch die Digitalisierung die Grundfesten der Architektur-Branche?

Dass durch digitale Tools plötzlich die Architekturschaffenden in ihrer Existenz bedroht werden, halte ich für ausgeschlossen. Kreative Entwurfsentscheidungen sind kognitive Prozesse und schwer digital nachahmbar.

Welche Chance bringen neue Technologien wie VR und AR für Architekten mit sich?

Die Chancen beziehen sich stark auf die Kommunikation von Architektur und die Prüfung von Designentscheidungen im Entwurfsprozess.

Was raten Sie Architekten, die noch wenig Berührungspunkte mit diesen digitalen Werkzeugen hatten?

Grundsätzlich sollte man sich von digitalen Tools inspirieren lassen und Möglichkeiten des Einsatzes persönlich ausloten. Bei einer blendenden Faszination würde ich zur Demut aufrufen um einen sinnvollen Einsatz zu erörtern.

Jeder dritte Deutsche wird laut einer Studie bald eine VR-Brille besitzen und damit die Realität laufend durch die Brille filtern, und somit Architektur auch anders wahrnehmen. Muss das Berufsbild Architekt neu gedacht werden?

Das Berufsbild Architekt muss sich immer wandeln und hinterfragen. Es ist wichtig, aus den Beispielen der Vergangenheit zu lernen, diese zu verstehen und gekonnt mit den heutigen Herausforderungen zu kombinieren. Nur so lässt sich Architektur neu-interpretieren. Wichtige Bestandteile, die Architektur selbst zum Filter gesellschaftlicher Notwendigkeiten werden lässt.

Zur Person

David Calas, Architekt, Urbanist, Kurator und Lehrbeauftragter an der TU Wien / Fakultät für Architektur und Raumplanung. Eigenes Büro STUDIO CALAS in Wien. Agiert an den Schnittstellen zu Architektur, Stadtgestaltung, Kommunikation und Kunst. Lehre und Forschung zu urbaner Mitgestaltung im digitalen Zeitalter.

Studio Calas (Link: http://www.studio-calas.net) agiert in den Bereichen von Stadtentwicklung, Soziokultur und Digitalisierung. Der Fokus liegt auf der Interaktion von Gestaltung und gesellschaftlicher Entwicklung. Das Motto “build social cultural sustain” steht für Expertise und beschreibt das Handlungsfeld des Studios.

Das Projektbüro besteht aus einem dynamischen, interdisziplinären Team, das für jedes Projekt neu zusammengestellt wird.

Architekten müssen sich rüsten, damit sie auch in Zukunft noch eine Rolle spielen.


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