Deutsche Möbelindustrie
Umsatzminus von 4 Prozent in 2020

VDM-Geschäftsführer Jan Kurth auf der heutigen Online-Pressekonferenz zur wirtschaftlichen Lage der deutschen Möbelbranche: "Nach Umsatzeinbruch im ersten Lockdown dauert stabile Auftragsentwicklung weiterhin an."

Nach dem volatilen, schwierigen Jahr 2020 verläuft auch der Start in das neue Jahr für die deutsche Möbelindustrie – wie für viele andere Wirtschaftszweige – herausfordernd. So bedeute auch die Absage der imm cologne/LivingKitchen einen herben Einschnitt, wie Jan Kurth, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie und der Möbelfachverbände, auf der heutigen Online-Pressekonferenz zur wirtschaftlichen Lage der deutschen Möbelbranche, erklärte.

Der Jahresauftakt sei zum anderen massiv durch den aktuellen zweiten Lockdown geprägt. „Durch die damit verbundene Schließung des Möbelhandels fällt für unsere herstellenden Betriebe in der umsatzstärksten Zeit des Jahres der maßgebliche Absatzkanal weg. Das ist trotz guter Auftragsbestände nicht nur für die Industrie wirtschaftlich bitter, sondern zudem auch für die Verbraucher nicht folgenlos. Denn der schon im zweiten Halbjahr 2020 deutlich sichtbare Einrichtungsbedarf ist ja weiterhin hoch, kann jedoch nicht mehr in konkrete Käufe überführt werden“, sagte Jan Kurth.
Trotz allem Verständnis für die gestern erneut verlängerten und verschärften Corona-Einschränkungen brauchten Wirtschaft und Verbraucher dringend eine Perspektive. Diese könne nicht in einem Lockdown bis Ostern bestehen – wie schon verschiedentlich ins Gespräch gebracht –, denn die gesellschaftlichen und ökonomischen Folgen wären nicht kalkulierbar. „Wir fordern deshalb einen mittelfristig möglichen Weg für ein Wirtschaften im ‚abgesicherten Modus‘. Gerade der deutsche Möbelhandel mit seinen großflächigen Verkaufsräumen und den seit Monaten erprobten Hygienekonzepten liefert dafür gute Voraussetzungen“, so Kurth weiter. 

Öffnung des Möbelhandels mit Sicherheitskonzepten denkbar

„Ergänzend fordern wir bereits kurzfristig eine flächendeckende Möglichkeit zur Onlinebuchung von Beratungs- und Verkaufsterminen mit maximal zwei Personen, um die Frequenzen zu steuern und Begegnungen von Kunden zu reduzieren. Neben dem weiteren Ausbau der Onlineberatung müssen die aktuellen Click & Collect-Lösungen bestehen bleiben. Wenn zudem der Zutritt zu den Beratungs- und Verkaufsflächen ausschließlich mit FFP2-Masken erfolgt, wird das Infektionsrisiko weiter gesenkt. In Abhängigkeit der Infektionslage könnten bei einer Öffnung des Handels die Abstandsflächen auf 50 qm pro Kunde erhöht werden. Eine zusätzliche Entzerrung der Öffnungszeiten in den Abend hinein und am Wochenende sowie der Verzicht auf Frequenz steigernde Maßnahmen runden das Maßnahmenpaket ab“, erklärte der VDM-Geschätsführer. 
Derzeit könnten laut Kurth die deutschen Möbelhersteller noch von ihrem Auftragspolster aus dem vergangenen Jahr zehren. Die Auslieferung der Ware an den Handel laufe vielfach weiter, auch wenn die logistischen Anforderungen etwa in der Tourenplanung stark zunehmen und erste Annahmemöglichkeiten im Mitnahmesegment wegen volllaufender Läger bereits ausfallen. „Aus Sicht unserer Hersteller ist es äußerst wichtig, dass die Läger des Handels weiter offenbleiben, damit die Produktion aufrechterhalten werden kann. Die Erfahrungen aus dem vergangenen Frühjahr zeigen, dass ansonsten die gesamten Produktions- und Lieferketten reißen und die Fertigung in der Möbelindustrie bei längerer Schließung des Handels mangels Aufträgen in vielen Fällen zum Erliegen kommen wird. Dies zieht wiederum auch Schwierigkeiten beim Wiederhochfahren der Produktion nach sich, mit denen die Möbelhersteller schon nach dem Lockdown im Frühjahr 2020 zu kämpfen hatten.“ 

Wechselvoller Geschäftsverlauf

Im vergangenen Jahr hat die deutsche Möbelindustrie infolge der Corona-Pandemie einen sehr wechselvollen Geschäftsverlauf erlebt. Zunächst brachte der Lockdown im Frühjahr drastische Einbußen für die Möbelhersteller mit sich. Nach der Wiedereröffnung des Möbelhandels zog die Nachfrage dann sehr schnell und überraschend stark wieder an und lag insbesondere im Sommer auf einem für diese Jahreszeit untypisch hohen Niveau. Aber auch über den Herbst und bis zum neuerlichen Lockdown Mitte Dezember dauerte die stabile Auftragsentwicklung bei Küchen-, Polster- und Wohn- und Schlafzimmermöbeln weiter an. In der Corona-Krise konzentrierten sich die Verbraucher stark auf eine behagliche und gemütliche Einrichtung ihres Zuhauses und passten ihre eigenen vier Wände zudem den neuen Anforderungen wie Homeoffice, Homeschooling und Homecooking an. Diese hohe Nachfrage in den wohnnahen Sparten brachte auch Engpässe auf der Beschaffungsseite und verlängerte Lieferzeiten mit sich. 

Verbesserter Auftragseingang im November und Dezember

Nach internen Erhebungen der Fachverbände stiegen die Auftragseingänge in der deutschen Wohnmöbelindustrie von Januar bis Dezember 2020 signifikant um 14,1% und in der Küchenmöbelindustrie um 11,8%. Auch in der Polstermöbelindustrie wurde ein deutlicher Anstieg um 5,5% registriert. Die im Vergleich zur amtlichen Statistik deutlich positiveren Ergebnisse sind vor allem auf den guten, um einen zweistelligen Prozentsatz verbesserten Auftragseingang in den Monaten November und Dezember zurückzuführen, welcher sich erst im ersten Quartal 2021 in den positiven Umsätzen niederschlagen dürfte. Ein weiterer Grund ist die Einbeziehung der ausländischen Produktionsstätten deutscher Hersteller sowie der deutschen Vertriebsgesellschaften ausländischer Hersteller, die von der amtlichen Statistik nicht erfasst werden. 
„Für das Gesamtjahr 2020 rechnen wir für die deutsche Möbelindustrie mit einem Umsatzminus von rund 4%. Damit liegt die Entwicklung im Rahmen unserer Prognose aus dem August, als wir ein Umsatzminus von bis zu 5% vorhergesagt haben. Der Umsatz wird voraussichtlich rund 17,2 Mrd. Euro erreichen“, so Kurth. 
In der Summe der ersten elf Monate 2020 betrugen die Umsätze der Branche nach Angaben der amtlichen Statistik rund 15,8 Mrd. Euro – ein Minus von 4,7% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das aufgelaufene Umsatzminus ist in den letzten Monaten 2020 kontinuierlich abgeschmolzen: Im Oktober verzeichnete die Branche ein Wachstum um 2,3% und im November bereits um 5% im Vergleich zum Vormonat. 

Küche verzeichnete kräftigen Umsatzanstieg

Die einzelnen Segmente der deutschen Möbelindustrie entwickelten sich von Januar bis November 2020 höchst unterschiedlich. Die Küchenmöbelhersteller verzeichneten einen kräftigen Umsatzanstieg um 3,7% auf rund 4,9 Mrd. Euro und entwickelten sich damit wesentlich besser als andere Segmente. Eine weitgehend stabile Umsatzentwicklung registrierten die Hersteller von Polstermöbeln, deren Umsätze von Januar bis November 2020 minimal um 0,4% auf rund 830 Mio. Euro zurückgingen. Dagegen fiel die Umsatzentwicklung beim größten Segment der Möbelindustrie – den sonstigen Möbeln und Möbelteilen – mit minus 8,1% auf 5,9 Mrd. Euro negativer aus als im Branchendurchschnitt. Die Büromöbelindustrie wies mit einem Umsatz von rund 1,8 Mrd. Euro ebenfalls ein deutlich negatives Ergebnis aus (minus 11,7%). Die Hersteller von Laden- und sonstigen Objektmöbeln lagen um 8,5% unter dem Vorjahreswert und erzielten einen Umsatz von rund 1,7 Mrd. Euro. Das kleinste Segment der Branche – die Matratzenindustrie – wies ein Umsatzminus in Höhe von 4,2% auf rund 690 Mio. Euro aus. Im November verbesserte sich die Lage in allen Segmenten wieder deutlich. Vor dem Hintergrund des hohen Auftragsbestands ist auch im Dezember von einer positiven Umsatzentwicklung in der Industrie auszugehen. 
Ein Blick auf die Beschäftigtendaten der Branche: In den aktuell 468 Betrieben mit mehr als 50 Beschäftigten (minus 1,8%) arbeiten 82.601 Frauen und Männer, dies ist ein leichtes Minus von 2,2% unter dem Niveau des Vorjahres. Somit blieb der Personalabbau in der Möbelindustrie im Unterschied zu vielen anderen Branchen bislang überschaubar. 

Exporte der deutschen Möbelindustrie brachen 2020 ein

Die negativen Auswirkungen der Corona-Krise waren insbesondere im Auslandsgeschäft deutlich zu spüren. Der Auslandsumsatz der deutschen Möbelindustrie sank von Januar bis November 2020 um 8,4% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, dagegen ging der Inlandsumsatz lediglich um 2,8% zurück. Das Exportgeschäft litt unter dem Nachfragerückgang infolge der Lockdown-Maßnahmen in verschiedenen Ländern, den internationalen Reiseeinschränkungen, den Messeabsagen und den negativen Auswirkungen des Brexits. 
Die Industrieexportquote – dies ist der Anteil der von den heimischen Möbelherstellern direkt ins Ausland gelieferten Ware am Gesamtumsatz der Branche – lag in den ersten elf Monaten 2020 infolge des überdurchschnittlichen Rückgangs des Auslandsumsatzes bei 31,4% und damit deutlich unter dem Niveau des Vorjahres. Im Gesamtjahr 2019 lag der entsprechende Wert noch bei 32,7%. Der VDM geht davon aus, dass die meisten Exportmärkte sich nach der Überwindung der Folgen der Pandemie im laufenden Jahr relativ schnell erholen und die Exportquote bereits im kommenden Jahr wieder das Niveau des Jahres 2019 erreichen dürfte. 
Die meisten Auslandsmärkte zeigen sich aktuell deutlich stärker von der Krise betroffen als der heimische Markt: Die deutschen Möbelexporte sanken in den ersten zehn Monaten 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 6% auf 5,9 Mrd. Euro. Einzelne Exportmärkte konnten dennoch deutliche Wachstumsraten vorweisen. So verzeichneten die Ausfuhren in die Schweiz als zweitwichtigsten Exportmarkt der deutschen Möbelindustrie mit einem Plus von 4,9% eine deutliche Steigerung. 
Frankreich belegt aktuell Platz eins im Ranking der wichtigsten Exportmärkte mit einem Minus von 6,3%. Auf den Rängen drei und vier folgen Österreich mit minus 5,7% und die Niederlande mit minus 0,6%. In fast allen anderen europäischen Exportmärkten wurden ebenfalls Rückgänge verzeichnet. Besonders stark gab der Absatz deutscher Möbel in Großbritannien mit einem Minus von 12,3% nach. Die negative Tendenz infolge des Brexits wurde durch die Auswirkungen der Pandemie auf die britische Wirtschaft noch verschärft. 
Von den fünf wichtigsten Exportmärkten halten aktuell Frankreich und Belgien den Möbelhandel unter Auflagen geöffnet. In der Schweiz, in Österreich und den Niederlanden sind die Möbelhäuser derzeit geschlossen. 

Deutsche Möbelexporte nach China stiegen an

Die außereuropäischen Exportmärkte entwickelten sich im bisherigen Jahresverlauf uneinheitlich. Besonders erfreulich ist aus Branchensicht, dass der weltweit größte chinesische Möbelmarkt die Folgen der Corona-Krise sehr schnell überwunden zu haben scheint – die deutschen Möbelexporte nach China kletterten von Januar bis Oktober 2020 um 2,9%. Dagegen fielen die Rückgänge in den USA mit minus 15,7% und in Russland mit minus 14,2% angesichts der hohen Infektionszahlen signifikant aus. 
Die deutschen Möbelimporte entwickelten sich von Januar bis November 2020 mit einem minimalen Plus von 0,6% auf 6,8 Mrd. Euro leicht positiv. Die Dynamik in den einzelnen Ländern zeigte sich jedoch uneinheitlich – deutlichen Rückgängen in einigen Ländern standen kräftige Steigerungen in anderen Ländern gegenüber. Polen verlor 3,2%, blieb jedoch wie in den vergangenen Jahren das mit Abstand wichtigste Möbelherkunftsland. Die Importe aus dem zweitwichtigsten Importland China legten um 9,1% zu, die Importe aus dem drittplatzierten Italien gingen um 3,4% zurück. Überdurchschnittlich stark stiegen die Einfuhren aus Rumänien (plus 26,9%), Vietnam (plus 14%) und der Türkei (plus 16,8%). Vor dem Hintergrund der gesunkenen Exporte und der gestiegenen Importe legte das Außenhandelsdefizit in den ersten zehn Monaten 2020 um 82% auf rund 925 Mio.Euro zu. 

Wohnen und Einrichten hat weiter hohe Priorität

„Ein konkreter Ausblick auf die Geschäftsentwicklung in den kommenden Monaten fällt aufgrund der Unwägbarkeiten der Pandemie schwer. Vieles wird vom Zeitpunkt der Wiederöffnung des Möbelhandels abhängen. Was den Stellenwert unserer Branche in der Verbrauchersicht angeht, sind wir optimistisch gestimmt. Wir gehen davon aus, dass die Menschen dem Thema Wohnen und Einrichten weiter eine hohe Priorität einräumen werden. Unsere Industrie ist dafür gut gerüstet: Unsere Hersteller haben sich in der Corona-Krise noch flexibler aufgestellt, ihre Lieferketten noch breiter ausgebaut und ihre Produktinnovationen weiter vorangetrieben. Weiter an Fahrt nimmt auch das Thema Digitalisierung auf, wie nicht nur der Schub für den Online-Möbelhandel zeigt, dessen Anteil wir für 2020 auf 18% schätzen“, so Jan Kurth abschließend. 


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