Furniture Future Forum
New Retail: Wenn Räume mitdenken

Mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen zum Furniture Talk nach Bünde. Foto: Furniture Future Forum

Drei Vorträge, eine Talkrunde: Im jüngsten Furniture Talk des Furniture Future Forum in Bünde drehte sich alles um das Thema „Designtrends mit KI, Material und Emotion“. Das Forum in Ostwestfalen ist seit zwei Jahrzehnten eine Drehscheibe für wertvolle Inhalte und starke Impulse für die gesamte Design-Szene und bietet viel Raum für den Austausch mit den Netzwerkpartnern.

Gleich zum Auftakt ging es um nicht weniger als die Zukunft des stationären Handels. Gesa Lischka, Mitgründerin der Agentur Kochstraße und Expertin für Neuromarketing, sowie Nils Drosin, CEO von 4Dmagic, zeigten unter dem Titel „Trends am POS: From Store to Story to Sale“, wie stationärer Handel mithilfe intelligenter Datennutzung neue Stärke gewinnen kann. „Es geht darum, Daten in Höchstgeschwindigkeit als Entscheidungsbasis zu nutzen“, so Drosin. Doch ihr Ansatz des „Entersalement“ beginnt nicht im physischen Handel, sondern im Gehirn der Kunden. „Was wäre, wenn ein Raum versteht, was ich mir als Kunde unbewusst wünsche, wenn ich einkaufe?“ Diese Frage markiert den Kern dessen, was Lischka und Drosin „New Retail“ nennen.

Das New-Retail-System basiert auf vier Komponenten: Kamera, Neuroanalyse, Licht und Content. Kameras erfassen anonymisiert Stimmung, Alter und emotionale Tendenzen der Menschen im Store. Die KI lernt in Echtzeit, welche Inhalte funktionieren, und ein Entertainmentsystem spielt individuelle Inhalte aus. Lichtzonen – in Zusammenarbeit mit dem Kooperationspartner Zumtobel entwickelt – reagieren auf die jeweilige Person im Raum. All das geschieht DSGVO-konform.

Anhand konkreter Personas zeigte Gesa Lischka, wie das System Markenkontexte schaffen kann, statt mit bloßer Werbung zu nerven. Menschen sollen sich gesehen fühlen – nicht als Zielgruppe, sondern als Individuen. Jede Reaktion fließt zurück ins System. So entsteht ein lernendes Ökosystem mit wachsender emotionaler Intelligenz. Im anschließenden, von Sascha Tapken (Home.Made.Storys.) moderierten Talk ordneten Lischka und Drosin die aktuelle Lage des Handels ein: „Die Überforderung ist verständlich. Aber die Chancen waren durch digitale Hilfsmittel nie größer – auch für den Mittelstand.“

Im Anschluss rückte die Innenarchitektur in den Fokus. Verena Schiffl von der Ippolito Fleitz Group gilt als Koryphäe, wenn es um Material- und Trendwissen geht. Anhand von Projekten wie für Beiersdorf in Hamburg, für Continental in Hannover oder für Ritter Sport in Waldenbruch zeigte sie, wie unterschiedlich Aufgaben sein können – und wie gleich die zentrale Frage bleibt: Wie drückt Architektur Persönlichkeit aus? Räume werden so zu gebauten Visitenkarten. Charakteristisch für die Arbeit des Designbüros sind tiefe inhaltliche Auseinandersetzungen: „Wir gehen in jedes Projekt mit dem Anspruch, es auch umzusetzen, und fangen jedes Projekt von Grund auf neu an.“

KI und Produktentwicklung: Szenarien einer neuen Epoche

Den Höhepunkt des Furniture Talk setzte Andreas Enslin. Über 20 Jahre leitete er als Vice President das Designcenter von Miele und verantwortete die Produktentwicklung der Haushaltsgeräte. Zuvor arbeitete er bei Grohe. Im Januar 2026 startet er mit der LösungsNetz GmbH in die Selbstständigkeit. Sein Thema lautete: „Neue Chancen für KMU – Die Zukunft der Produktentwicklung mit KI“.

Enslin denkt an der Schnittstelle von Technik, Produktion und Nutzer. Er wirkte an einer aktuellen VDI-Studie mit, die vier Szenarien für die künftige Produktentwicklung entwirft – von punktueller KI-Anwendung bis zur umfassenden Transformation ganzer Industrien. Seine zentrale Beobachtung aus der jahrzehntelangen Berufspraxis heraus: Steigt die Komplexität, wachsen die Lücken zwischen Abteilungen. KI kann helfen, diese zu schließen. 

Gleichzeitig behält Enslin einen kritischen Blick. Die Implikationen des KI-Einsatzes lassen sich noch nicht vollständig absehen. Was passiert mit Soft Factors, wenn in einem Projektteam von sechs Personen nur noch die Projektleitung menschlich besetzt ist? Was geschieht dann mit Spontaneität, Kreativität und Bauchgefühl? Die zentrale Frage lautet für Enslin aus Unternehmensperspektive: Was ist mein Kern-Know-how – und wie lässt es sich schützen angesichts von Investitionen in Höhe von 1,5 Billionen US-Dollar, die große US-Tech-Unternehmen in den kommenden zwei Jahren in KI skalieren werden? 

Enslin mahnt: „Onlineshops und Suchmaschinen werden überflüssig. SEO funktioniert nicht mehr. Markenwerte, Markenerlebnisse und Kundenbewertungen sind die Credits der Zukunft.“ Denn wo wird ein KI-Assistent künftig recherchieren, wenn ein Auftraggeber bzw. Prompter ein Sofa kaufen möchte? Digitale Produktpässe, Nutzerbewertungen und vielfältige Touchpoints werden für den Reputationsaufbau entscheidend sein. Oder anders ausgedrückt: Künftig werden KI-Agenten mit KI-Agenten über den Kauf eines Sofas verhandeln. „Unsere Wirklichkeit wird in wenigen Jahren mehr Fiktion als Realität enthalten“, so Enslin.


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