VdDK-Podium
Wie intelligent werden Küchen?

Die vernetzte Küche nimmt immer konkretere Formen an. Foto: Fotolia/AA+W

Die vorliegende Ausgabe des „küche & bad forum“ hat sich erfreulicherweise ein Thema zum Schwerpunkt gesetzt, das seit vielen Jahren in der Küchenbranche diskutiert wird: die Vernetzung moderner Küchen. Schon vor der Jahrtausendwende wurde über selbstständig online nachbestellende Kühlschränke nachgedacht, die einfach „wissen“, wenn Getränke oder Lebensmittel zur Neige gehen.

Nun ist es derzeit sicher kühn, bereits von „intelligenten Küchen“ sprechen zu wollen. Abseits von philosophischen oder neurologischen Überlegungen: Kann eine Küche überhaupt „intelligent“ sein? Oder sollte das nicht besser der Entwickler moderner Küchen und Küchengeräten sein? Und natürlich ganz besonders der spätere Nutzer?

Am Anfang der Zukunft

Sehen wir also am besten hier von griffigen Marketing-Claims einfach ab und sagen besser: Die Küche wird immer vernetzter, die Digitalisierung erreicht auch hier bald den ‚letzten Winkel‘. Das ist unstrittig, und wir stehen nach wie vor wohl erst am Anfang einer mutmaßlich noch langen, spannenden Entwicklung. Dieser Trend ist global, er zieht sich durch alle Lebensbereiche. Ob Auto, Bankgeschäfte oder Wohnen: Überall wächst der Grad der Vernetzung und die Intensität der Daten-Kommunikation.

Smart Home oder Smart Kitchen, Home Connect und all die anderen Systeme, welche die Informationen der Geräte und Gebraucher untereinander austauschen und den Endkunden, den Servicetechnikern und anderen Beteiligten online auf mobilen Endgeräten zur Verfügung stellen, werden uns in Zukunft intensiv begleiten. Denn es ist schon ein wenig ‚laissez-faire‘, wenn man auf der Fahrt in den Urlaub prüfen kann, ob der Backofen wirklich abgeschaltet ist. Es ist auch von Vorteil zu wissen, was noch im Kühlschrank oder in den Schränken lagert – ganz egal, ob das mittels Kamera oder mittels RFID-Chip auf den Verpackungen der
Zukunft erkennbar gemacht wird.

Diese Systeme sind vorhanden, im Aufbau begriffen und werden weiterentwickelt. Als Küchenbranche und als Verband der Deutschen Küchenmöbelindustrie sehen wir diese wachsende Vernetzung und Digitalisierung äußerst positiv. Denn gerade dadurch werden neue Verkaufsimpulse gesetzt, die wir alle immer wieder benötigen. Und mit den zu erwartenden oder heute noch unvorhersehbaren Fortentwicklungen eröffnen sich immer neue Geschäftsfelder.

Die Kehrseite der Medaille

Doch es gibt auch eine Kehrseite dieses Trends – teils real, teils gefühlt. Denn mit der stetigen und umfassenden Präsenz der Digitalisierung wird der Eindruck erweckt, dass die Welt nicht mehr ohne diesen Prozess leben kann, dass alles damit ‚automatisch‘ gut und besser wird. Der Glaube bzw. Irrglaube: Jedermann müsse – gleichgültig, ob Endgebraucher, Dienstleister oder Hersteller – uneingeschränkt, auf jeden Fall und vor allem sofort auf den ‚Vernetzungszug‘ aufspringen, um zu den Siegern zu gehören. Trotz aller (mitunter etwas hilflos anmutenden) Aufrufe nach Entschleunigung: Alles, wirklich alles muss zwischenzeitlich möglichst in Echtzeit auf Smartphones, auf Tablets, in der Cloud verfügbar sein, sonst meint man, abseits zu leben und den Anschluss zu verlieren. Und die kommende totale Vernetzung aller verfügbaren Informationen zur Lösung aller Probleme ist ja noch Zukunftsmusik! Es ist sicherlich richtig, dass die Informationstechnologie uns im Leben vieles erleichtert und mit mehr Komfort ausstatten wird. Aber es gibt eben auch Entwicklungen, die man kritisch sehen muss. Denn die Transparenz von Informationen setzt einen sensibilisierten Informationsgeber und einen Informationsnehmer voraus, der die verantwortungsvolle Verarbeitung dieses Wissens vornimmt. 

Das heißt: Jedem Beteiligten muss jederzeit die maximale Informationshoheit ermöglicht werden. Und zwar nicht nur als Lippen-bekenntnis, sondern ganz real mit höchsten Durchsetzungsansprüchen. (Daten-)Sicherheit ist ein außerordentlich relevantes Rechtsgut, das in der gegenwärtigen Umbruchzeit der Informationsvernetzung manchmal unterzugehen scheint.

Das Problem mit den Daten

Daten sind in der heutigen Welt gleichzusetzen mit Geld. Je vernetzter die Küche oder das Bad oder das Haus oder der Garten diesbezüglich werden, desto mehr wird aus diesem Wissen ein Geschäftsmodell. Denn diese Daten, diese Informationen sind handelbares Gut.

Wo etwas frei handelbar ist, gibt es auch kriminelle Energie zum Missbrauch. Doch selbst wenn wir den bewussten Rechtsbruch ausschließen, bleiben noch immer genügend Möglichkeiten, um dank Datenauswertung nicht nur den Endgebraucher immer gläserner zu machen. Doch engen wir noch mehr ein: Selbst Daten, die direkt, geschützt und ohne Weitergabe für nur einen bestimmten Zweck erfasst werden, können entweder eine ungewollte Eigendynamik oder unbeabsichtigte Konsequenzen nach sich ziehen.

Bekannt ist das Beispiel einer Versicherung, die die Risikoprofile ihrer Versicherten a) an die Erfassung medizinisch relevanter Daten z.B. beim Treiben von Sport und b) aus den Werten dieser erfassten Daten ableitet. Das kann finanziell günstiger für den Betroffenen werden, muss es aber nicht. In jedem Fall wird es schon teurer, sich von dieser Erfassung ausschließen zu wollen. Datenkommunikation als Pflicht also …

Ein Muss mit Nebenwirkungen

Legen wir im Gedankenspiel dies auf die Küche um und schließen wiederum kriminelle Energie aus: Ob der Kühlschrank wann und in welchen Mengen Wein, Wurst oder Veggieburger bestellt, wann und welche Speisen gekocht werden, bei welcher Zimmertemperatur gegessen und ob nach dem Speisen Sport getrieben wird, interessiert nicht nur Kühlschrank-, Elektrogeräte- und Lebensmittelhersteller. Sondern mindestens genauso Energiekonzerne, Versicherungen, Werbeagenturen, Suchmaschinenanbieter, Melde- und Führerscheinbehörden – um nur wenige Beispiele willkürlich zu nennen. Der Phantasie sei freien Lauf gestattet …

Es geht um Vertrauen und Verlässlichkeit von Informationen. Beides zu bewahren oder (wieder-)herzustellen ist eine unserer Aufgaben als Küchenmöbelindustrie. Jede Störung, jede „Schreckensmeldung“ vom Datenmissbrauch bspw. in sozialen Medien ist auch ein Schlag gegen unsere Branchenbemühungen, hochtechnisierte und vernetzte Traumküchen zu entwickeln, die unseren Kunden mittels Informationstechnologie so weit wie möglich von Aufwand und Arbeit entlasten.

Hausgeräte, wie der Backofen oder der Geschirrspüler, können schon heute per App bedient werden. Foto: Fotolia/baloon111

Wenn wir die im Titel aufgeworfene Frage beantworten wollen, muss es heißen: So intelligent wie nur möglich sollten moderne Küchen werden! Jeder Hersteller ist aufgerufen, besser heute als morgen mit neuen Digitalisierungs- und Vernetzungsideen in den Markt zu treten. Doch was auf der einen Seite fortschrittlich hilft, wird andererseits wie genannt auch ‚Nebenwirkungen‘ haben. Es gilt also, einen Ausgleich und einen operablen ‚modus vivendi‘ zwischen den positiven und negativen Folgen der Datenpreisgabe und -kommunikation zu finden.

Und: Eine intelligente Küche benötigt zwingend intelligente Nutzer! Einerseits, um alle nur denkbaren Installationen und Optionen überhaupt nutzen zu können. Auf der anderen Seite aber deshalb, um verantwortungsbewusst und mit gutem Gefühl die digitalen Möglichkeiten auszuschöpfen, ohne unwissentlich Nachteile oder unangenehme Rechtsfolgen befürchten zu müssen. 

Diese anstehenden Herausforderungen an unsere Branche sind lösbar – wenn wir Verantwortung übernehmen und das Vertrauen unserer Kunden stärken, ihr Wissen erweitern. Das heißt: Mit ein wenig Mühe sind unsere Chancen riesengroß, um dank Digitalisierung und Vernetzung die Begeisterung für (intelligente) Küchen „Made in Germany“
 auszubauen.

Dr. Lucas Heumann, Hauptgeschäftsführer des VdDK

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