VDM
Weiter volatile Geschäftsentwicklung

VDM-Geschäftsführer Jan Kurth berichtet von guten Umsätzen in schwierigen Zeiten. Foto: VDM

„Die Zeiten bleiben unsicher und außergewöhnlich herausfordernd – auch für die deutsche Möbelindustrie.“ Das betonte VDM-Geschäftsführer Jan Kurth soeben auf der Jahreswirtschafts-Pressekonferenz des Verbandes in Köln. Dabei sprach Kurth weiter von einer Achterbahnfahrt für die Branche: „Seit Beginn der Pandemie verzeichnen unsere Hersteller eine höchst volatile Geschäftsentwicklung. Dem Corona-Schock im Frühjahr 2020 folgte eine überraschend schnelle Erholung, die allerdings durch den drastischen Materialmangel im Verlauf des Jahres 2021 ausgebremst wurde. Die Verteuerung nahezu aller Vorprodukte wurde zur großen Belastung für unsere Branche; insbesondere auch deshalb, weil die drastischen Kostensteigerungen entweder nicht vollständig oder aber nur zeitversetzt weitergegeben werden konnten bzw. können.“

Lieferketten weiter unter Stress

Durch den Ausbruch des Ukraine-Krieges hätten sich die Störungen in der Lieferkette zudem verschärft, auch wenn laut den verbandsinternen Umfragen sich die Materialverfügbarkeit aktuell wieder etwas zu stabilisieren scheine, was auch zu einer leichten Verkürzung der Lieferzeiten geführt hätte. Trotzdem bleibe die Versorgungslage beispielsweise bei Massivholz weiter angespannt und vor allem der Preisanstieg bei Vorprodukten und Energie mache der Branche weiter zu schaffen: „So lagen beispielsweise die Erzeugerpreise für Holzwerkstoffe, als eine der Hauptkomponenten für Küchen- und Kastenmöbel, nach amtlicher Statistik im Juni 2022 um 46,4 Prozent über dem Vorjahresmonat und auch für das zweite Halbjahr 2022 wurden bereits weitere Steigerungen umgesetzt bzw. angekündigt. Entspannung sieht anders aus, und für die Unternehmen bleibt die Weitergabe dieser Belastungen in der Kette existenziell.“

Große Herausforderungen für die Branche

Hinzu kämen, so Kurth, eine ganze Reihe weiterer Herausforderungen für die Branche, wie das schwache Konsumklima, die Sommerzeit mit Hitze und allgemeiner Reiselust, die Inflation und die steigenden Energiepreise – all dies sei eine wilde Mischung unterschiedlicher Einflussfaktoren, die täglich in der öffentlichen Debatte für zusätzliche Verunsicherung sorgten. Trotzdem betont Kurth: „Wir glauben jedoch fest an die hohe Bedeutung unserer Produkte für die Verbraucher. Die Nachfrageabschwächung im Juni und Juli ist unserer Einschätzung nach auch dem großen Nachholbedürfnis in Sachen Urlaub geschuldet. Im Herbst wird der Fokus auf das eigene Zuhause wieder stärker werden – dann rechnen wir erneut mit positiven Impulsen für unsere Branche.“

Erstes Halbjahr 13,4% im Plus

Im ersten Halbjahr 2022 konnten die deutschen Möbelhersteller laut VDM ihren Umsatz um 13,4 Prozent auf rund 9,5 Mrd. € steigern. Das Umsatzwachstum spiegelt dabei vor allem die gestiegenen Materialkosten wider. Das mengenmäßige Wachstum fiel deutlich geringer aus als das Umsatzwachstum. Im Monat Juni zeigte sich unterdessen mit einem Umsatzplus von 4,3 Prozent eine abgeschwächte Dynamik. Der Inlandsumsatz habe sich dabei vor dem Hintergrund der guten Nachfrage im Winter der daraus resultierenden hohen Auftragsbestände etwas besser entwickelt als der Export. „Die aktuellen Umsätze deutscher Möbelhersteller bewegen sich sowohl im Inland als auch im Ausland deutlich über dem Niveau des Jahres 2019 und somit über den Vergleichswerten vor der Corona-Krise.“

Starke Unterschiede zwischen den Warengruppen

Im Hinblick auf die Umsatzentwicklung in der ersten Jahreshälfte 2022 gibt es erhebliche Differenzen zwischen den einzelnen Segmenten der deutschen Möbelindustrie. Nach Angaben der amtlichen Statistik verzeichnete die Küchenmöbelindustrie einen kräftigen Umsatzanstieg um 12,4 Prozent auf rund 3,2 Mrd. €, sie erwies sich damit erneut als wichtiger Wachstumsmotor der Branche. Den höchsten Umsatzanstieg registrierten die Hersteller von Polstermöbeln, deren Umsätze von Januar bis Juni 2022 um 19,1 Prozent auf 577 Mio. € zulegen konnten. Auch die Umsatzentwicklung beim größten Segment der Möbelindustrie – den sonstigen Möbeln (darunter Wohn-, Ess- und Schlafzimmermöbel) sowie Möbelteilen – fiel mit plus 17,1 Prozent auf 3,3 Mrd. € positiver aus als im Branchendurchschnitt. Das kleinste Segment der Branche – die Matratzenindustrie – vermeldete dagegen ein leichtes Umsatzminus in Höhe von 7,1 Prozent auf 336 Mio. €.

Nachfragentwicklung bereitet Sorgen

Sorgen bereitet den Möbelherstellern jedoch die Nachfrageentwicklung in den Monaten Juni und Juli, von der nach Einschätzung des VDM vor allem das untere Preissegment – sowohl im stationären Handel wie auch im Onlinehandel – betroffen ist. Der Auftragseingang brach im Juli deutlich ein: Die entsprechenden Werte lagen in der Küchenmöbelindustrie um 6,7 Prozent im Minus, in der Wohnmöbelindustrie gingen sie um fast 35 Prozent und in der Polstermöbelindustrie sogar um 38,3 Prozent zurück. Bei diesem Rückgang des Auftragseingangs spielt wohl auch die Reiselust eine Rolle. Nach den pandemiebedingten Einschränkungen in den beiden Vorjahren steht das Thema Urlaub in diesem Sommer auf der Prioritätenliste vieler Verbraucher ganz oben. 

Es zeichnet sich ab, dass das zweite Halbjahr für die Möbelbranche schwieriger werden wird als die ersten sechs Monate. Die höheren Preise für Lebensmittel und Energie, die drohende Gasknappheit sowie die Unsicherheiten über den weiteren Verlauf des Ukraine-Kriegs und die Entwicklung der Pandemie drücken auf die Stimmung der Bevölkerung. Die täglich neuen Meldungen über drohende Belastungen und Unsicherheiten über staatlich gewährte Entlastungen trüben die Verbraucherstimmung weiter ein. Wenig erfreulich sind für Jan Kurth auch die Meldungen aus dem Wohnungsbau: „Die höheren Bauzinsen erschweren für Bauherren die Finanzierung ihres Hausbaus deutlich, zudem sinken die Baugenehmigungszahlen.“

Trotzdem zeigte sich Kurth zum Abschluss der Wirtschaftspressekonferenz verhalten optimistisch: „Auch bei unbestritten schwierigen Rahmenbedingungen sind wir zuversichtlich, dass die Themen Wohnen und Einrichten bei den Verbrauchern weiter im Fokus bleiben. Das eigene Zuhause bleibt ein sicherer Rückzugsort in unsicheren Zeiten und nach dem heißen Urlaubssommer kommt mit dem Herbst der erneute Rückzug in die eigenen vier Wände. Vor diesem Hintergrund erwarten wir im Gesamtjahr 2022 für die deutsche Möbelindustrie eine leicht rückläufige Mengenentwicklung und einen Umsatzanstieg von 6 bis 8 Prozent aufgrund von Preiseffekten.“


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